Wie man in MQL4 einen Teilverkauf mit Breakeven für die Restposition programmiert

Ein beliebter Ansatz des Positionsmanagements im Forex-Trading ist es, für einen Deal nicht nur ein, sondern zwei Take-Profit-Levels zu definieren. Bei Erreichen des ersten Gewinnziels wird ein Teil der Position, z.B. 50% der ursprünglichen Lotsize, glattgestellt und somit ein Mindestgewinn gesichert. Damit dieser nicht mehr verloren werden kann, wird für die verbleibende, 50-prozentige Restposition der Stop-Loss auf Einstandskurs nachgezogen.

Das kann man selbstverständlich manuell durchführen. Diese Vorgehensweise lässt sich aber ebenso in einem Expert Advisor (EA) für MetaTrader (MT4/MT5) automatisieren. In diesem Wissen erreichte mich neulich die folgende Frage eines Kunden.

Ich interessiere mich für den MAXingPro EA, hätte aber dazu jetzt eine Frage zu einer möglichen Änderung bzw. Anpassung des Codes. Wäre es möglich, eine Funktion in den Code einzubauen, wo man z.B. nach Erreichen von angegeben Pips einen Teilverkauf macht (diesen könnte man in % angeben) und dann die noch offene Position auf Break Even zieht und mit Trailing Stop einfach laufen lässt?
— Philipp L., Trader und mindful FX Kunde

Ich war mit Herrn L. so verblieben, dass diese Funktion in einer der nächsten EA-Versionen eingeführt wird. Heute ist es so weit.

Ich zeige all denjenigen, die selbst am Programmieren interessiert sind, zudem bei dieser Gegelenheit, wie ein solcher Teilverkauf in MQL4 programmiert werden kann. Los geht's, am Beispiel unseres Trendfolge-EA's mFX-MAXingPro!

Wichtiger Hinweis: in den folgenden Code-Beispielen sind die Änderungen bzw. Hinzufügungen in Fettschrift aufgeführt, während gleich bleibender Code in normaler Schrift geschrieben ist.

Schritt 1: EA-Datei unter neuem Namen abspeichern und neue Versionsnummer eintragen

Hier im ersten Schritt öffnen wir zunächst die mq4-Datei des EA's mFX-MAXingPro, der Kreuzungen von zwei Moving Averages (Gleitenden Durchschnitten) als Signalgeber verwendet. Wir speichern sie sofort unter einem neuen Namen (mFX-MAXingPro_v1.50) ab. Damit stellen wir sicher, dass wir jederzeit zur Ausgangs-Version v1.40 zurück kehren können, von der wir wissen, dass sie einwandfrei funktioniert.

Dann ändern wir im Code die Versionsnummer und das Erstellungsdatum ab, um unsere Arbeit im EA später nachvollziehen zu können. Die Code-Zeile lautet nun:

#property version "1.50" // 31.08.2018

Entsprechend unserer neuen Eingaben wird die neue Versionsnummer ab sofort bei Verwendung im MT4-Terminal unter "Allgemein" in den EA-Eigenschaften angezeigt.

Schritt 2: Teilverkaufs-Eingabeariable definieren

Eine Break-Even-Funktionalität haben wir in diesem EA schon. Diese wird gesteuert durch die folgenden Eingabevariablen:

input bool BreakEven_verwenden=true;
input double BreakEven_Trigger=30;
input double BreakEven_Profit=0;

Mit der ersten Variable BreakEven_verwenden kann der EA-Nutzer nachher die Break-Even-Funktionalität ein- und ausschalten. Bei BreakEven_Trigger kann er oder sie in Pips eingeben, bei welchem Dealgewinn der SL auf Einstandskurs nachgezogen werden soll. Mit BreakEven_Profit kann die Traderin schlussendlich eine Vertikalverschiebung in Pips eingeben, so dass der SL-Nachzug auf z.B. 1 Pip im Gewinn vollzogen wird.

Nun fügen wir zu diesem Codeblock die Eingabe-Variable hinzu, mit der wir später bei der EA Verwendung den gleichzeitigen Teilverkauf steuern können. Sinnvoll ist hier, den Prozentsatz der originalen Lotsize eingeben zu können, der teilgeschlossen werden soll:

input double BreakEven_Teilverkauf=50;

Wir werden das so programmieren, dass die Eingabge von 0 den Teilverkauf ausschaltet. Bei Eingabe der voreingestellten 50 würde der EA bei Erreichen der unter BreakEven_Trigger definierten Gewinn-Pips 50% der Ursprungsposition (Beispiel: 50% von 1.00 Lots = 0.50 Lots), also die Hälfte der bestehenden Lotsize teilschließen.

Schritt 3: Teilverkauf in Break-Even-Funktionalität zunächst für Buy-Deals einfügen

Nun bewegen wir uns hinein in die OnTick-Funktion, also die Funktion, die ein EA bei Empfang eines jeden Chartkursticks durchläuft. Dort haben wir eine schon eine Schleife programmiert, die alle bestehenden Deals auf MagicNumber und Chartsymbol filtert. Das macht den EA multi-Deal-fähig, denn somit kann er jederzeit seine eigenen Deals wiedererkennen.

Im bestehenden Code fragen wir für BUY- und SELL-Deals getrennt schon ab, ob einerseits die Break-Even-Funktionalität überhaupt aktiviert ist und ob andererseits der Kurs-Trigger erreicht ist, der zum Nachziehen des Stop-Loss-Kurses auf Einstandskurs +/- Mindestgewinn-Pips eingestellt wurde. Hier fügen wir nun Code ein, der den Teilverkauf effektiv durchführt.

Zuerst führen wir eine Serie von Bedingungs-Abfragen durch. Sie stellt fest, ob eine Teilschließung überhaupt zugelassen ist in diesem Moment. Am Ende, wenn also alle Bedingungen wahr sind, kommt das Closing selbst in den geschweiften Klammern.

Ich kommentiere dabei die jeweilige Zeile zum besseren Verständnis:

if ( BreakEven_Teilverkauf > 0 && BreakEven_Teilverkauf <= 100)
Diese Bedingung fragt ab, ob der Teilverkauf durch den EA-Nutzer gewünscht ist. Die Abfrage ist genau dann wahr, wenn die Eingabe-Variable BreakEven_Teilverkauf größer als null und gleichzeitig maximal 100 ist. Alle anderen Eingaben schalten also die Teilverkauf-Funktionalität effektiv aus.

if ( OrderSelect ( Count, SELECT_BY_POS ) )
In den folgenden Bedingungen benötigen wir Zugriff auf das bestehende Orderkommentar, die Orderlotsize, die Orderticketnummer sowie den aktuell verfügbaren Closingpreis für die Order. Damit der EA auf jeden Fall all diese Orderattribute zur Verfügung hat, selektieren wir die Order nocheinmal. Denn im Fall der OrderModify-Durchführung der Breakeven-Funktionalität kann es sein, dass die bisherige Orderselektion aufgehoben wird. OrderSelect(...) gibt dann wahr zurück, wenn die Order anhand des Schleifen-Zählers Count im Dealpool (SELECT_BY_POS) erfolgreich gefunden werden konnte.

if ( StringFind ( OrderComment(), "from #" ) < 0 )
Nun schauen wir im Orderkommentar OrderComment() nach, ob diese Order schon einmal teilgeschlossen wurde. Alle Teilschließungen werden im MT4 automatisch mit from #1234567 anstelle eines eventuell schon bestehenden Orderkommentars kommentiert, damit man erkennen kann, von welcher ursprünglichen Order her diese Restposition stammt. Das ist hilfreich, weil Restpositionen zwar den gleichen Einstiegskurs und die selbe Einstigeszeit, jedoch eine neue Ticketnummer erhalten. Mit der in MQL4 eingebauten StringFind-Funktion durchsucht der Expert Advisor nun das OrderComment() daraufhin, ob der Text from # schon darin zu finden ist. Wenn nein, gibt uns die StringFind-Funktion einen negativen Wert zurück. Unsere if-Bedingung ist also immer dann wahr, wenn die Order noch nicht teilgeschlossen wurde.

if ( BreakEven_Teilverkauf / 100 * OrderLots() >= MarketInfo ( Symbol(), MODE_MINLOT ) )
Um Fehlermeldungen im EA-Ablauf der eigentlichen Teilverkäufe zu vermeiden, fragen wir hier ab, ob der Prozentsatz BreakEven_Teilverkauf / 100 der bestehenden Orderlotsize OrderLots() mindestens so groß ist wir die Mindestlotsize des Brokers. Letztere wird über die MarketInfo-Funktion für das aktuelle Chartsymbol Symbol() mit dem Bezeichner MODE_MINLOT abgefragt.

Sind nun alle vier Bedingungen wahr, kann der EA in die geschweiften Klammern eintreten und den folgenden Code durchlaufen:
   {
   double clsLots = NormalizeDouble ( BreakEven_Teilverkauf / 100 * OrderLots() ,                                              LotsRundung ) ;

Hier wird die Berechnung der teilschließenden Lotsize der neuen double-Variable clsLots zugewiesen. Der Wert wird dabei durch die NormalizeDouble-Funktion auf die richtige Anzahl an Nachkommastellen gerundet, welche wir in der OnInit-Funktion ermittelt und der Integer-Variable LotsRundung zugewiesen haben.

   while ( IsTradeContextBusy() ) Sleep ( 10 ) ;
Wir lassen den Experten über die Sleep-Funktion ein in Millisekunden (hier: 10) definiertes Nickerchen machen, solange (while...) die Tradingleitung zum Broker belegt ist, was wir über IsTradeContextBusy() erfahren.

   bool oc = OrderClose ( OrderTicket(), clsLots, OrderClosePrice(), UseSlippage,                                    clrCornflowerBlue ) ;
   }

Zu guter letzt wird der Teilverkauf an sich durchgeführt. Die OrderClose-Funktion bestücken wir entsprechend mit den notwendigen Parametern Ordernummer OrderTicket(), Lotanzahl clsLots, aktueller Schließpreis (Bid oder Ask) OrderClosePrice(), maximal akzeptierte Kursabweichung (Slippage) UseSlippage (schon in OnInit-Funktion mit dem gewünschten Maximalwert belegt) sowie die Farbe clrCornflowerBlue des Pfeils, der vom EA bei Teilschließung in den Chart eingezeichnet wird.

Schritt 4: Teilverkauf für SELL-Deals ergänzen

Der Code, um Sell-Deals teilzuclosen ähnelt dem im letzten Schritt geschriebenen Code sehr stark. Wir können ihn daher per Copy & Paste in die Sell-Deal-Abfrage einfügen. Wir müssen dann nur noch eine kleine Änderung ergänzen:

if ( BreakEven_Teilverkauf > 0 && BreakEven_Teilverkauf <= 100 )
if ( OrderSelect ( Count, SELECT_BY_POS ) )
if ( StringFind ( OrderComment(), "from #" ) < 0 )
if ( BreakEven_Teilverkauf / 100 * OrderLots() >= MarketInfo ( Symbol(), MODE_MINLOT ) ) 
   {
   clsLots = NormalizeDouble ( BreakEven_Teilverkauf / 100 * OrderLots() ,                                              LotsRundung ) ;
   while ( IsTradeContextBusy() ) Sleep ( 10 ) ;
   oc = OrderClose ( OrderTicket(), clsLots, OrderClosePrice(), UseSlippage,                                    clrCornflowerBlue ) ;
   }

Vor den Variablen clsLots und oc musste ich lediglich die Variablendefinition entfernen, da wir diese schon bei der Behandlung der Buy-Orders definiert haben und wir uns nicht im strikten Kompiliermodus befinden. Alles andere konnte eins zu eins von der Buy-Seite übernommen werden. (Im strikten Kompiliermodus #property strict hätten wir den kompletten Code inklusive der Variablendefinitionen übernehmen können.)

Hinweis: um Copy&Paste zu vermeiden, hätten wir auch eine eigene Funktion schreiben können, die dann jeweils bei BUY und SELL abgefragt wird. Das bewirkt das exakt gleiche Ergebnis in der letztendlichen EA Verwendung, spart aber Platz im Code.

Schritt 5: testen, ob der EA mit dem neuen MQL4-Code funktioniert

Abschließend testen wir die neue EA-Version des mFX-MAXingPro noch, um sicherzustellen, dass die neuen Code-Module auch wirklich das bewirken, was wir mit ihnen beabsichtigt haben. Dazu rufen wir den Strategietester im MetaTrader 4 auf.

Bei solchen Funktionalitätstests ist das Modell "Kontrollpunkte" ausreichend. Im folgenden Screenshot sehen Sie wunderbar, wie die Teilclosings nun in der Chart-Grafik aussehen, sowohl für Buy als auch für Sell. Wir beobachten in diesen Fällen zwei gestrichelte Linien vom Einstiegsmoment nach rechts. Die erste hin zum Moment des Breakeven-SL-Nachzugs und Teilverkaufs, die zweite hin zum Zeitpunkt des Schließens der Restposition.

Funktioniert also alles wie gewünscht! Insbesondere im Fall des Buy-Teilverkaufs am 9. August um ca. 13 Uhr sieht man, wie positiv sich ein solcher Teilclose auf das Ergebnis auswirken kann. Die zwischenzeitlichen Kursgewinne konnten hier zumindest zur Hälfte (Teilverkauf von 50%) mitgenommen werden, während für die Restposition bei Gegensignal immerhin noch ein kleiner Gewinn verblieb.

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Allerbeste Programmier- und Tradingerfolge wünscht
Cristof Ensslin von mindful FX, Ihr EA-Programmierer