Ab in den Süden - dank griechischer Drachme

In den beiden vergangenen Wochen konnte ich meinem Geschäftspartner Maik Schober auf unseren gemeinsamen Workshops Die große Währungsrisiko-Chance seinen spannden Ausführungen wiederholt zuhören. Er sprach über natürliches Wachstum, das auf Arbeitskraft, Ressourcenverwertung und Bevölkerungswachstum aufbaut. Er sprach auch von künstlichem Wachstum, das von Verschuldung genährt ist. Meine eigene Meinung ist, dass Letzteres, in vernünftigen Maßen, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gut gehen könnte, wenn wir das Wissen voriger Generationen nicht vergessen würden. Daher wiederholt sich die Geschichte auch immer wieder, jeweils in leicht abgewandelter Form. So hat es berühmte Blasenbildungen schon in der frühen Neuzeit gegeben, als Tulpenzwiebeln in Holland in den 1630er Jahren kurzzeitig soviel Wert waren wie eine Eigentumswohnung.

Eine solche Blase hat sich zwischenzeitlich bei Staatsschulden gebildet, in Form von überbewerteten Staatsanleihen. In Ländern wie Japan, USA und auch Deutschland hat der Staat seine Fähigkeit, Steuern einzutreiben, im Griff. Daher ist das Vertrauen in die Regierungen dieser Länder so groß, dass der Zins, der für diese Schulden zu berappen ist, relativ niedrig ist. Er ist über die letzten beiden Jahrzehnte systematisch in Richtung null gefallen. Seit Maik Schobers Vortrag weiß ich auch, dass das Verhältnis von Schuldendienst zu Staatseinnahmen immer weiter gefallen ist. Somit ist alles in Ordnung, die Blase bei Staatsanleihen dieser Länder ist also noch lange nicht am Platzen.

Seit 2009 steigen die Zinsaufschläge, die andere Euro-Länder wie Griechenland, Irland, Portugal und zuletzt auch Spanien und Italien im Vergleich zu Deutschland auf neu herausgegebene Staatsanleihen zu bezahlen haben, dramatisch an. Die Blase der Staatsschulden dieser Länder ist somit geplatzt bzw. derzeit am Platzen. Das ist die Quittung für großzügige Regierungen, die unterm Strich mehr ausgaben als sie einnehmen konnten. Nicht zuletzt ist das auch die Quittung für den festen Wechselkurs zwischen diesen Staaten und Deutschland, den die Einführung des Euros mit sich brachte und von dem Deutschland als unangefochtener Export-Meister innerhalb Europas unglaublich profitierte.

Der Zinssatz zur Refinanzierung der Staatsschulden verschiedener Euro-Länder ist also deutlich in die Höhe geschnellt. Rigorose Sparprogramme hin oder her, bei 150% Staatsverschuldung im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt – wie im Falle Griechenlands – sind stark steigende Zinsen eine Katastrophe. Die logische Folge müsste über kurz oder lang der Staatsbankrott sein. Wie sähen die Konsequenzen aus, wenn z.B. Griechenland seine Schulden nicht mehr bedienen kann?

Szenario 1: Griechenland steigt aus dem Euro aus, führt die Drachme wieder ein, Anleihen werden in dieser redenominiert, sie wertet kräftig ab, die Schulden werden in entwerteter Währung zurückbezahlt, der Staatshaushalt somit saniert, ausländische Gläubiger erleiden heftige Verluste, inländische verlieren lediglich Kaufkraft für Importe, inländische Produkte müssten preislich günstiger werden, die Exportwirtschaft – allen voran der Tourismus – würde profitieren, ein Ende mit Schrecken statt Schrecken ohne Ende, der Euro würde im Außenwert tendenziell wertvoller.

Szenario 2: Griechenland bleibt im Euro, erklärt Staatsbankrott, Laufzeiten von Anleihen werden verlängert, Nominalbeträge und -Zinssätze der Schulden werden gekürzt oder im für die Gläubiger schlimmsten Fall komlett gestrichen. Griechenland entledigt sich somit auf Kosten der Anleihebesitzer (derzeit zu einem großen Teil deutsche und französische Banken) mindestens zu einem Teil seiner Schulden, kann wieder frei atmen und von vorne anfangen. Das strukturelle Leistungsbilanzdefizit ist durch den weiter starren Wechselkurs mit Haupthandelspartner Euroland nicht gelöst, über kurz oder lang müsste es wieder zur gleichen oder einer ähnlichen Situation kommen, Schrecken ohne Ende statt ein Ende mit Schrecken, es sei denn, ein beträchtlicher Teil der griechischen Bevölkerung migriert in Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen, wie z.B. Deutschland, was den Importdruck durch den Euro mindern würde.

Szenario 3: Griechenland bleibt im Euro, die EU oder ein Euroland-Rettungsschirm hilft dem Mittelmeer-Staat aus der Schuldenmisere, ob als direkten Kredit oder als Übernahme der Schulden und darauf folgender Restrukturierung zu Gunsten des griechischen Schuldners, Deutschland bezahlt dafür zwar seinen Teil (alle Bürger über Steuern – Verluste werden sozialisiert), profitiert als Export-Europameister weiterhin vom innerhalb der Eurozone künstlich unterbewerteten "Deutschmark"-Teil des Euros (Gewinne werden privatisiert), weiter wie in Szenario 2 ab „Das strukturelle Leistungsbilanzdefizit“.

Die politischen Entwicklungen mit Rettungsschirm etc. tendieren Richtung Szenario 3. Da eine große Völkerwanderung migrationspolitisch eher unwahrscheinlich ist, stünden wir in einigen Jahren oder wenigen Jahrzehnten wieder vor dem gleichen Schuldenberg. Unter diesem Szenario könnte man ironischerweise bis es wieder soweit gekommen ist sogar von den aktuell hohen Renditen griechischer Anleihen profitieren. Derzeit ist das (lobby-) politisch vielleicht sogar gewollt, zumindest solange deutsche und französische Großbanken Großgläubiger der Griechen sind – wer will schon das Risiko einer weiteren Finanzkrise politisch verantworten müssen.

Szenario 1 dagegen wäre meines Erachtens die fairste und am schnellsten umsetzbare Variante. Wer Risiken eingeht, sollte sich schlechter Szenarien bewusst sein und dafür vorsorgen. Dann kann er auch einhergehende Verluste verkraften und fährt langfristig dennoch gut damit. Was kurzfristig Schmerzen verursacht, kann langfristig dennoch die bessere Lösung sein. Für den Außenwert des Euros, sprich den Wechselkurs gegenüber anderen Währungen, müsste sich ein solches Szenario positiv auswirken. Nicht zuletzt die Wirkung der klaren Lösung würde das Vertrauen in die Währung stärken. Unser sonnig entspannender und kulturell anregender Griechenland-Urlaub würde wieder deutlich günstiger werden! Die anderen Szenarien sehe ich im Gegenzug isoliert betrachtet als eher belastend für den Euro.

Für Irland und Portugal, eventuell auch Spanien und Italien gelten im Übrigen ähnliche Szenarien. Auch ihnen fehlt der Wechselkursmechanismus, um verschiedene wirtschaftliche Entwicklungen innerhalb der Eurozone kurz- und mittelfristig ausgleichen zu können.

Herzliche Grüße und profitable Geschäfte bei all Ihren Unternehmungen wünscht

Ihr Cristof Ensslin